Wasser trinken ist „in“: Warum nicht aus dem Hahn?

Wasser trinken ist „in“: Warum nicht aus dem Hahn?

Trinkwasser aus der Leitung wird hierzulande von vielen als etwas Selbstverständliches angesehen, sein Wert als Durstlöscher häufig unterschätzt. Am Institut für Soziologie in Gießen sprudeln die Ideen dazu, was dahinter stecken könnte.

Frankfurt am Main, 06.10.2016 – Wenn Trinkwasser hierzulande ein sicheres Lebensmittel ist und immer frisch aus dem Hahn kommt, warum trinken es dann nicht noch viel mehr Menschen regelmäßig? Oder wenn sie selbst es mögen und nutzen, warum stellen sie es nicht auch auf den Tisch, wenn Gäste kommen, oder bestellen es nicht auch im Restaurant? Dahinter verbergen sich spannende Fragestellungen, denen das Forum Trinkwasser zusammen mit dem Institut für Soziologie der Justus-Liebig Universität in Gießen nachgeht. Ob Leitungs- oder Mineralwasser, Wassertrinken hat eine soziale Bedeutung, einen gesellschaftlichen und emotionalen Wert. „Essen und Trinken ist mehr denn je eine Imagefrage“, so Professor Dr. Herbert Willems, Leiter des Projekts „Soziale Akzeptanz von Trinkwasser“.

Trinkwasser – ein selbstverständliches Gut
Trinkwasser wird in Deutschland aufgrund seiner ständigen Verfügbarkeit und seines geringen Preises von vielen als etwas Selbstverständliches angesehen. Im globalen Kontext betrachtet, ist das schlichtweg bemerkenswert. Während andere Regionen der Welt unter Dürren leiden, steht in Deutschland mehr als ausreichend frisches Trinkwasser zur Verfügung – nur einen Dreh am Hahn entfernt. Trotzdem wird Leitungswasser selten als wertvoller Durstlöscher wahrgenommen. Die Studentin Sarah Kempf ist diesem Phänomen am Beispiel Irlands auf den Grund gegangen: Bis vor der Eurokrise erhielten die Haushalte dort ihr Leitungswasser gratis. Doch dann wurde die Wasserversorgung an ein Unternehmen übertragen und jeder musste selbst für die Kosten seines Trinkwassers aufkommen. Das sorgte nicht nur für wütende Proteste. Trinkwasser hatte plötzlich einen konkreten Wert und wurde als Folge in den Haushalten auch sparsamer verwendet (Quelle 7). Christopher Franzmann wiederum beschäftigte sich mit dem Verhältnis zwischen Überfluss und Knappheit von Trinkwasser auf unserer Erde. Er untersuchte die Wassernutzungsgewohnheiten in Deutschland und die gesellschaftlichen Auswirkungen von Wasserknappheit am Beispiel Kaliforniens. In seiner Seminararbeit vergleicht er die Wahrnehmung von Trinkwasser mit der von Internetverbindungen, deren Wert uns nur dann bewusst wird, wenn sie gerade einmal nicht funktionieren (Quelle 2). Es bleibt die Frage, wie lässt sich das ändern? Wie kann es gelingen, dass Trinkwasser auch hierzulande vom Großteil der Bevölkerung als wertvolles Lebensmittel wahrgenommen wird?

Trinkwasser – ein Lifestyle-Produkt
Ein Lifestyle-Produkt ist Trinkwasser für viele Menschen nicht. Das könnte auch daran liegen, dass – anders als bei Mineralwasser – keine Werbung dafür gemacht wird, die einem Wasser ein „Gesicht“ gibt. Deshalb sieht Professor Willems eine besondere Herausforderung darin, das Image von Trinkwasser in der breiten Bevölkerung von einem „prestigelosen Gut“ wegzubringen. Das Forum Trinkwasser setzt dabei auf nachhaltige Veränderungen in der Einstellung der Menschen. Es leistet Überzeugungsarbeit durch Aufklärung über unser Trinkwasser als kalorienfreier Durstlöscher und als umweltschonendes, regionales Produkt aus natürlichen Wasserressourcen, um noch mehr Menschen vom Trinkwasserkonsum zu begeistern.

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